Startschuss souveräner Verwaltungsarbeitsplatz

In der vergangenen Woche ist im Bundesministerium des Inneren und in Anwesenheit vom Bundes-CIO Staatssekretär Markus Richter der offizielle Startschuss für das Projekt „souveräner Verwaltungsarbeitsplatz“ gefallen: Univention entwickelt gemeinsam mit Dataport und einer Reihe weiterer Hersteller aus dem Open-Source-Ökosystem die Software für den Verwaltungsarbeitsplatz der Zukunft.

Er wird es der Verwaltung ermöglichen, effizient und komfortabel zu arbeiten und dank vollständiger Offenheit und fehlenden Abhängigkeiten zu proprietären Anbietern die Digitalisierung der Verwaltung insgesamt verbessern und beschleunigen. Die beteiligten Hersteller liefern ihre jeweils besten Komponenten zu, die lange und erfolgreich im Markt erprobt sind. Daraus entsteht eine neue Plattform und Univention wird die technische Realisierung koordinieren.

Treffen von Verwaltung und Open-Source-Industrie zum souveränen Verwaltungsarbeitsplatz

Quelle: Markus Richter. (30.08.2022). Mit gebündelten Kräften… [Tweet]. Twitter. https://twitter.com/cio_bund/status/1564638971560443906

Der Arbeitsplatz: Dreh- und Angelpunkt digitaler Souveränität

Digitale Souveränität bedeutet Kontroll- und Gestaltungsfähigkeit. Für beides spielen die IT-Systeme, die den Arbeitsplatz gestalten, eine entscheidende Rolle:

Sicherheit und Kontrollfähigkeit: Der digitale Arbeitsplatz ist der Ort, an dem alle Informationen der Verwaltung zusammenlaufen und an dem sie zwangsläufig unverschlüsselt vorliegen müssen, damit sie gelesen, verstanden und bearbeitet werden können. Wer die Software für die Arbeit mit den digitalen Arbeitsplätzen von Industrie und Verwaltung kontrolliert, hat deswegen Zugriff auf alle Informationen, die dort verarbeitet werden. Dieser Zugriff erlaubt es, Informationsflüsse zu kontrollieren und zu beeinflussen. Es ist deswegen wichtig, diese Kontrolle als Staat selbst ausüben zu können.

Gestaltungsfähigkeit: Wir befinden uns inmitten eines jahrelangen Prozesses zur Digitalisierung der Verwaltung und niemand kann heute verlässlich sagen, welche Systeme die Verwaltung in den nächsten 10 Jahren einsetzen wird und wie diese miteinander kommunizieren werden. Was wir aber wissen, ist, dass wir diesen Systemen einfache, aber kontrollierbare Kommunikation miteinander und einfachen Datenaustausch ermöglichen müssen. Sonst werden wir neue, nützliche Systeme nicht nutzen können und die Digitalisierung scheitert, wie heute schon so oft, an Inkompatibilität und fehlenden Schnittstellen.


Unsere Vision: Digitale Souveränität für die Welt

Unsere Vision: Wie wir digitale Souveränität erreichen können.

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Kontrolle über Schnittstellen

Der digitale Arbeitsplatz spielt dabei eine zentrale Rolle: Wer die dazu notwendigen Schnittstellen kontrolliert, kontrolliert welche Lösungen zukünftig am Arbeitsplatz oder mit am Arbeitsplatz verwendeten Informationen überhaupt genutzt werden können und ob und wie solche Software oder Cloud-Services mit anderen Systemen kommunizieren können. Das bedeutet: Ohne freie Gestaltungsfähigkeit von Software- und Cloud-Services für den Arbeitsplatz keine Kontrolle über die Schnittstellen und damit erhebliche Limitierungen bei der Gestaltungsfähigkeit der Digitalisierung.

Software und Cloud-Services zur Bereitstellung des digitalen Arbeitsplatzes müssen deswegen über offene, standardisierte und frei weiter entwickelbare Schnittstellen verfügen. Eine derart standardisierte Plattform, die diskriminierungsfrei für alle Anbieter eine Basis schafft, auf der Fachverfahren aufsetzen können, schafft ein eigenes Ökosystem, welches nicht von Partikularinteressen dominiert werden kann und somit Investitionssicherheit und eine bedarfsgerechte Evolution der Komponenten ermöglicht.

Marktbeherrschung und Wirtschaftlichkeit

Die heute den Markt beherrschenden Software-Lösungen und Cloud-Dienste zur Bereitstellung digitaler Arbeitsplätze stellen mit ihren Schnittstellen und Benutzerinterfaces eine gewaltige Plattform mit einem erheblichen Plattformeffekt dar. Für Anwenderorganisationen ist der Einsatz entsprechender Lösungen oft alternativlos, da nur daraus die Möglichkeit zur Nutzung wichtiger Anwendungssoftware und Fachverfahren gewährleistet ist. Und andersherum ist die Unterstützung dieser Plattformen für die Hersteller von Anwendungssoftware und Fachverfahren alternativlos, da nur dadurch der Zugang zu Kunden, welche die entsprechende Software technisch überhaupt einsetzen können, gewährleistet ist.

Es besteht also sowohl bei Endnutzerorganisationen als auch bei Softwareanbietern eine erhebliche Abhängigkeit zur Softwareplattform für digitale Arbeitsplätze. Diese Plattform heißt Microsoft Windows, Microsoft Office, Microsoft 365 und Microsoft Azure und diese Abhängigkeiten führen zu sehr hohen Preisen, hoher Abhängigkeit bis hin zu Erpressbarkeit. An dieser Stelle drängt sich geradezu der Vergleich mit der aktuellen Situation bei der Energieversorgung auf, die in ähnlicher Weise von Monopolbildungen und Plattformabhängigkeiten bestimmt wird. Der Ausweg sind offene Systeme, die nicht für eine Erpressung geeignet sind.

Gegenmodell zu proprietären Plattformen

So wie das erfolgreiche Gegenmodell zu den proprietären Netzwerkplattformen von Microsoft, Novell oder AOL die offenen Standards des Internets gewesen sind, ist das Gegenmodell zu proprietären Plattformen für den Arbeitsplatz, eine offene, gemeinsam kontrollierbare Plattform für digitale Arbeitsplätze: der souveräne Verwaltungsarbeitsplatz. Er schafft Sicherheit durch kontrollierbaren Code, Gestaltungsfähigkeit durch Open Source, eine gemeinsame Plattform durch offene, gemeinsam entwickelte Standards und reduziert Abhängigkeiten und Erpressbarkeit, da sie letztlich von jeder Organisation auch in eigener Regie betrieben und weiter entwickelt werden kann.

Denn diese neue Plattform wird nicht nur die Wirtschaftlichkeit und Effizienz bei der Digitalisierung der Verwaltung erheblich verbessern oder die Digitalisierung durch offene Schnittstellen und Gestaltungsfähigkeit insgesamt beschleunigen. Sie wird nicht nur Sicherheit und Kontrollierbarkeit von Datenflüssen erhöhen oder überhaupt erst ermöglichen und damit die IT-Sicherheit massiv verbessern. Das alles wird nur der Anfang sein, denn für eine solche, offene Plattform gibt es erheblichen Bedarf, nicht nur in der deutschen Verwaltung.

Es gibt daran auch großes Interesse in anderen Verwaltungen und in immer mehr Bereichen der Industrie. Denn alle haben mit denselben Herausforderungen zu kämpfen: IT. Der digitale Arbeitsplatz steht im Mittelpunkt aller Prozesse und diese Prozesse müssen kontrolliert werden können. Gleichzeitig besteht erheblicher Innovationsdruck, insbesondere in der Industrie. Dazu braucht es Gestaltungsfähigkeit und zwar ohne sich dabei in die Abhängigkeit von Plattformen zu begeben, die dann über ihre Preise die ganze Wertschöpfung in die eigene Tasche zu lenken.

Das wird an immer mehr Stellen erkannt und deswegen hat dieses nicht nur das Potential die Digitalisierung der Verwaltung zu verbessern, sondern zu einer echten Disruption zu führen, und Deutschlands Rolle in der internationalen Informationstechnologie entscheidend zu verbessern.

Erfolgsfaktor Multi-Vendor-Modell

Wir bauen den souveränen Verwaltungsarbeitsplatz nicht als das Produkt eines einzigen Herstellers, wir bauen ihn modular aus den besten Komponenten die im Open-Source-Markt verfügbar sind: Open-Xchange im Bereich Mail und Groupware, Collabora Office als kollaboratives Online-Office, das seinerseits auf LibreOffice, dem Standard schlechthin im Bereich Open Source Office aufbaut, Nextcloud als Plattform für das Teilen und den Zugriff auf Daten, die gleichzeitig eine ganz wesentliche Schnittstelle für die Integration von Collabora darstellt, Matrix für die Echtzeit-Kommunikation, Jitsi für den Bereich Videokonferenzen und von Univention kommen mit dem dahinter liegenden Identitätsmanagementsystem sowie einem Portal die wichtigen Komponenten zur Integration, die selbst wieder auf etablierter und frei verfügbarer Open Source Software wie OpenLDAP oder Keycloak basiert.

 

Souveräner Arbeitsplatz: Quelle BMI

Quelle: Bundesministerium des Innern und für Heimat. (30.08.2022). Open CoDE. https://gitlab.opencode.de/bmi/souveraener_arbeitsplatz/info

 

Dieser Ansatz hat eine Reihe, aus unserer Sicht entscheidende Vorteile: Wir haben in vielen dieser Komponenten bereits eine sehr hohe Reife, einen vollständigen Funktionsumfang und auch aus Endnutzersicht eine sehr hohe Qualität. Nur so sind wir überhaupt in der Lage, innerhalb kurzer Zeit eine Alternative zu bieten, die es sowohl in puncto Usability als auch in puncto Funktionalität mit ihren proprietären Wettbewerbern aufnehmen kann. Und: Durch die Beteiligung vieler leistungsfähiger Unternehmen sind wir überhaupt in der Lage, die jetzt notwendigen, weiteren Entwicklungsschritte in der notwendigen Geschwindigkeit vorzunehmen.

Grundprinzip: 100% Open Source

Der souveräne Verwaltungsarbeitsplatz soll ein echtes, gemeinschaftlich getragenes Open-Source-Projekt werden. Dazu ist es erforderlich, dass es ein funktional vollumfängliches, klar definiertes Set von Software gibt, das diesen Arbeitsplatz realisiert und das zu 100% Open Source, im Quellcode für jede Frau und jeden Mann zugänglich ist und einfach ausprobiert und genutzt werden kann – ohne dass es dazu der Unterzeichnung eines Vertrages oder der Interaktion mit einer wie auch immer gearteten Organisation bedarf.

Es ist deswegen sehr gut, dass diese Prinzipien Grundprinzipien des Projektes sind und es ist prima, dass wir mit OpenCoDE jetzt über eine Plattform verfügen, auf welcher der Quellcode zum souveränen Verwaltungsarbeitsplatz vollständig veröffentlicht werden kann. Hier passt wirklich ein Stein auf den anderen. Gleichzeitig ist es aber wichtig zu verstehen, dass die Hersteller der einzelnen Softwarekomponenten (Matrix, Open-Xchange, Nextcloud etc.) die Hauptrepositories ihrer Software weiterhin selbst betreiben werden. Für uns Hersteller ist die Kontrolle über den Code, aus dem wir unsere Produkte bauen, für deren Sicherheit und Funktionsfähigkeit wir dann ja einstehen müssen, einfach essentiell. In OpenCoDE wird man also aktuelle Kopien des Codes wiederfinden, die den jeweiligen Entwicklungsstand des souveränen Verwaltungsarbeitsplatzes darstellen und mit denen man genauso arbeiten kann, wie mit dem von Open-Source-Unternehmen typischerweise in Github oder anderen Plattformen veröffentlichten Code.

Einheitliches API

Wir wollen mit dem Projekt souveräner Verwaltungsarbeitsplatz eine neue, offene Plattform aufbauen und diese Plattform wird umso erfolgreicher werden, desto mehr Fachverfahren sie unterstützen, etwa um ein Dokument zur kollaborativen Weiterbearbeitung zu öffnen, einen Kalendereintrag vorzunehmen oder eine Videokonferenz mit einem Kollegen zu starten.

Deswegen wird ein wichtiger Aspekt für den Erfolg die Entwicklung eines einheitlichen, einfach nutzbaren APIs zum Zugriff insbesondere aus Fachverfahren heraus sein. Daran besteht grundsätzlich seitens der Fachverfahrenshersteller großes Interesse, denn auch dort ist die Sorge vor zu großer Abhängigkeit von einer proprietären Plattform hoch. Offen und diskriminierungsfrei heißt aber auch, dass Anbieter proprietärer Software nicht ausgeschlossen werden und selbstverständlich diese Schnittstellen zur Anbindung der eigenen Software nutzen können, um ihre Leistungen anzubieten.

Open Source hat das Internet mit seinen Möglichkeiten erst geschaffen. Ohne Open Source würden wir jetzt vermutlich das Internet nur als Medienangebote von AOL/Time Warner und Disney kennen und Computer als bessere Schreibmaschinen verstehen. Mit dem digital souveränen Arbeitsplatz haben wir die Chance eine vergleichbare Initialzündung für eine flexible und leistungsfähige Zukunft der Verwaltung zu schaffen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in der EU und im Grunde in der gesamten Welt.

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Peter H. Ganten ist Gründer und Geschäftsführer von Univention.

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Kommentare

  1. Ich war mir immer sicher, dass Die Zeit kommen wird, in der die Lobbyisten nicht mehr obsiegen und lobenswerte Projekte, wie LiMux und beim Auswärtigen Amt nicht mehr zu Fall gebracht werden. Die Zeit ist reif für die Befreiung von den Vendor-Locks.
    Alles Gute für diese Entwicklung.

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  2. Was das tägliche Arbeiten mit Standardsoftware angeht, bin ich ganz bei Ihnen. Wie sieht es aber z.B. im Ordnungsamt aus? Wir setzten in RLP VOIS und zugehörige Hardware/Software von der Bundesdruckerei ein. Dort wird nicht in Richtung OSS entwickelt. Dort sind wir leider noch auf Win- Arbeitsplätze angewiesen, was dann im Endeffekt eine Win/Lin Umgebung in der Verwaltung zur Folge hat.

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    • Sie beschreiben eine Situation, die in vielen Verwaltungen – nicht nur in RLP – vorzufinden ist. Nicht alle Abhängigkeiten lassen sich einfach und vielleicht auch nicht kurzfristig lösen. Aber ist das ein Grund, die generelle Unabhängigkeit von vorn herein aufzugeben? Müssten wir nicht in jedem Einzelfall erstmal untersuchen, welcher Übergang denkbar ist?

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