Digitale Handlungsfähigkeit absichern mit Nubus for Business Continuity – Souveränes IAM im Stand-by-Modus.

Mehr erfahren

Europa diskutiert intensiv über digitale Souveränität und technologische Abhängigkeiten. Dabei liegt eines der wirkungsvollsten Instrumente längst auf dem Tisch: die öffentliche Beschaffung. Neue Zahlen zeigen, wie dringend das Thema ist.

Der Hebel ist riesig – und weitgehend ungenutzt

Öffentliche IT-Ausgaben in Europa bewegen sich wahrscheinlich bereits oberhalb von 100 Milliarden Euro pro Jahr. Exakte Zahlen sind schwer zu ermitteln – und das ist bereits Teil des Problems.

Was wir wissen: Für den Bund liegen detaillierte Zahlen zu Microsoft-Diensten vor. Die Ausgaben liegen bei rund 481 Millionen Euro pro Jahr, also etwa 913 Euro pro beschäftigter Person. Überträgt man diesen Pro-Kopf-Wert grob auf die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor in Europa, ergibt sich allein für Microsoft-Dienste ein Volumen von mehr als 30 Milliarden Euro jährlich. Das allein wäre bereits fast ein Drittel der geschätzten >100 Milliarden Euro öffentlichen IT-Ausgaben pro Jahr und zeigt, welche Größenordnung hinter scheinbar kleinen Lizenzentscheidungen steckt.

Eine aktuelle Recherche von Tagesspiegel Background hat alle 16 Bundesländer nach ihren Microsoft-Ausgaben gefragt. Zehn haben mit Zahlen geantwortet. Das Ergebnis: Allein diese zehn Länder haben seit 2021 mehr als 686,5 Millionen Euro für Microsoft-Produkte ausgegeben. Während 2021 die jährlichen Ausgaben noch bei rund 104 Millionen Euro lagen, waren es 2025 bereits rund 192 Millionen Euro. Das entspricht einem Wachstum von fast 84 Prozent in fünf Jahren, also knapp 17 Prozent pro Jahr im Schnitt – das ist kein normaler Inflations- oder IT-Mehrbedarf, sondern ein Hinweis darauf, wie stark Lizenz- und Vertragsmodelle, Produktzyklen und Lock-in-Effekte die Kostenkurve nach oben treiben.

Hier werden zwei wesentliche Dinge deutlich: Öffentliche Verwaltungen sind nicht nur Nutzer von Technologie. Sie sind Marktmacher. Und sie wissen oft selbst nicht genau, wie sie durch ihre eigenen Entscheidungen Abhängigkeiten und langfristigen Kosten erzeugen.

Steigende Kosten sind kein Naturgesetz

Die Länder selbst nennen mehrere Treiber für die steigenden Ausgaben: mehr digitale Arbeitsplätze, wachsende Anforderungen an IT-Sicherheit sowie Veränderungen bei Lizenz- und Vertragsmodellen. Doch entscheidend ist die Kostenlogik. Wenn Funktionalität, Updates und Sicherheit zunehmend geschlossene Plattformen gekoppelt werden, wird aus dem einmaligen Einkauf eine dauerhaft steigende Betriebsausgabe und der Verhandlungsspielraum schrumpft.

Besonders aufschlussreich ist das Beispiel Schleswig-Holstein. Das Land ist seit Jahren Deutschlands Open-Source-Vorreiter und musste trotzdem noch Microsoft-Lizenzen nachbeschaffen. Der Grund: Der Support für Windows 10 lief 2025 aus, und der Wechsel auf Linux dauert noch bis nach 2028. Für 2025 sind dafür noch einmal vier Millionen Euro eingeplant. Gleichzeitig zeigt das Land, dass Alternativen wirken: Durch den weitgehenden Umstieg auf LibreOffice und Open-Xchange für den Standardarbeitsplatz konnten die Kosten laut Digitalisierungsminister Dirk Schrödter von 18 Millionen auf drei Millionen Euro reduziert werden.

Open Source bedeutet nicht, dass alle Kosten verschwinden. Migration, Betrieb, Schulung und Integration bleiben anspruchsvolle Aufgaben. Aber Open Source verändert die Kostenlogik: Geld fließt stärker in Kompetenzen, Betrieb, Sicherheit und Wertschöpfung.

Heute wird ein großer Teil der öffentlichen Digitalausgaben in geschlossene, proprietäre Software- und Cloud-Stacks investiert, die außerhalb des europäischen Ökosystems kontrolliert werden. Dass das so ist, ist in erster Linie keine rein technische Frage. Es ist eine industriepolitische Frage. Denn öffentliches Geld entscheidet mit darüber, wo Innovation stattfindet.

Wenn Beschaffung weiterhin standardmäßig auf proprietäre Systeme setzt, verliert Europa doppelt: Zum einen geht das Geld nicht an europäische Unternehmen. Zum anderen verstärkt es bestehende Abhängigkeiten. Das macht es schwerer, im Wettbewerb zu bestehen, Systeme zu wechseln und auf den digitalen Infrastrukturen zu innovieren, die wir täglich nutzen.

Open Source First schafft ein faires Spielfeld

Ein verbindliches Open-Source-First-Prinzip würde diese Logik verändern. Es geht dabei nicht darum, nicht-europäische Anbieter auszuschließen oder „europäisch um jeden Preis“ zu kaufen. Open Source First bedeutet schlicht: Bevor eine öffentliche Stelle eine proprietäre Lösung beschafft, muss sie ernsthaft und nachvollziehbar prüfen, ob eine qualifizierte Open-Source-Alternative existiert. Das Ergebnis dieser Prüfung muss dokumentiert werden und natürlich muss man es auch anfechten können, wenn nicht sauber gearbeitet wurde.

Das schafft ein Level Playing Field. Europäische Unternehmen erhalten eine faire Chance, über Implementierung, Support, Sicherheit und Integration zu konkurrieren. Und es entsteht ein Markt, in dem auf offenen Grundlagen aufgebaut wird, statt immer wieder bei null zu starten.

Open Source ist dabei keine ideologische Forderung, sondern ein wirtschaftlicher Faktor. Eine von der Europäischen Kommission veröffentlichte Studie zeigt: Rund eine Milliarde Euro an Investitionen europäischer Unternehmen in Open Source hat einen wirtschaftlichen Effekt von 65 bis 95 Milliarden Euro erzeugt. Das zeigt das Potenzial, wenn öffentliche Mittel nicht nur für den kurzfristigen Einkauf digitaler Werkzeuge genutzt werden.

Öffentliche Beschaffung ist bereits Industriepolitik

Die eigentliche Frage ist nicht, ob öffentliche Beschaffung industriepolitisch wirkt. Die Frage ist: In welche Richtung wirkt sie? Stärkt sie geschlossene Abhängigkeiten oder baut sie europäische Fähigkeiten auf? Finanziert sie proprietäre Lock-ins oder schafft sie offene Märkte? Erhöht sie die Wechselkosten der Verwaltung oder stärkt sie langfristige digitale Handlungsfähigkeit?

Der Cloud and AI Development Act sollte genau hier ansetzen: Er sollte sicherstellen, dass Europas enorme öffentliche Kaufkraft zum Aufbau unserer digitalen industriellen Basis beiträgt. Deshalb brauchen wir eine verbindliche und auditierbare Open-Source-First-Regel in der öffentlichen Beschaffung. Nicht als Selbstzweck. Sondern als Voraussetzung für einen fairen Markt, für digitale Souveränität und für Europas langfristige Innovationsfähigkeit.

UCS Core Edition jetzt kostenfrei einsetzen!
Zum Downloadbereich