Gestern hat die US-Regierung verfügt, dass Anthropic seine neuesten KI-Modelle – Mythos 5 und Fable 5 – für Menschen ohne US-Staatsangehörigkeit nicht mehr bereitstellen darf. Anthropic hat den Zugang daraufhin vollständig gesperrt. Die Begründung: Man könne derzeit gar nicht zuverlässig kontrollieren, welche Nutzerinnen und Nutzer über welche Staatsangehörigkeit verfügen.
Lassen wir das einen Moment wirken. Ein per Exekutivanordnung erzwungener, über Nacht wirksamer Ausschluss von einer Schlüsseltechnologie. Kein Übergang, keine Wahlmöglichkeit für die betroffenen Unternehmen und Verwaltungen in Europa. Die US-Regierung hat ihre Sicherheitsbedenken bis heute nicht näher ausgeführt. Doch für die eigentliche Lehre ist die genaue Begründung ohnehin zweitrangig. Entscheidend bleibt die Tatsache, dass uns der Zugang zu kritischer Technologie jederzeit und ohne nachvollziehbare Begründung entzogen werden kann.
Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie hat es in der Tagesschau auf den Punkt gebracht: Es handelt sich um einen Präzedenzfall. Durchgesetzt über sogenannte Exportkontrollen, also im Namen einer „diffusen nationalen Sicherheit“. Betroffen sind nicht nur europäische Unternehmen, sondern selbst Ausländerinnen und Ausländer, die in den USA leben – sogar Mitarbeitende von Anthropic ohne US-Pass. Wir sollten uns darauf vorbereiten, dass unsere gesamte Infrastruktur, die auf amerikanischer Software und Hardware basiert, jederzeit ausgeschaltet werden kann. Das bedeutet, wir brauchen jetzt Alternativen, um digital souverän zu werden.
Es geht um mehr als plumpe Abhängigkeit
Die Abhängigkeit allein ist schon Grund genug, alarmiert zu sein. Aber es gibt einen zweiten, mindestens ebenso wichtigen Aspekt: Manche der führenden KI-Anbieter setzen sich gemeinsam mit der US-Regierung für sehr starke KI-Regulierungen ein und erschweren damit gezielt den Marktzugang für Wettbewerber, insbesondere aus dem Open-Source-Umfeld. Begründet wird das mit Gefahren der Technologie. Faktisch geht es dabei aber mindestens auch um die Sicherung eines Wettbewerbsvorteils und um die geopolitische Vorherrschaft bei KI.
Selbst Stimmen, die dem Silicon Valley nahestehen, lesen das unmissverständlich: Im All-In-Podcast spricht David Sacks von einer „regulatory capture campaign based on fearmongering“ – einer auf Angst aufgebauten Strategie regulatorischer Vereinnahmung. Der Mechanismus dahinter ist simpel: Man erzeugt Furcht vor den Gefahren der Spitzen-KI, nutzt diese Furcht, um nach strenger staatlicher Regulierung zu rufen und profitiert schließlich davon, weil große, kapitalstarke Labore solche Auflagen erfüllen können, kleinere Wettbewerber und Open-Source-Entwickler dagegen nicht.
Risiken von KI sind real. Die entscheidende Frage ist nicht, ob es Schutzmechanismen braucht, sondern wo sie greifen. Setzt man sie ganz oben am Modellzugang an, entscheiden einige wenige lizenzierte Labore, wer Zugang zu Wissen und Fähigkeiten bekommt. Setzt man sie weiter unten an, etwa bei der Haftung für tatsächlichen Missbrauch, bleibt Innovation breit und überprüfbar.
Warum Open Source der eigentliche Streitpunkt ist
Die Sorge der großen geschlossenen Labore vor Open-Source-KI ist begründet – aber nicht aus den Gründen, die sie öffentlich nennen. Open-Source-Modelle werden schnell besser, sind deutlich günstiger und kommen der Leistung geschlossener Modelle immer näher. Genau deshalb erzeugen sie einen direkten Wettbewerbsdruck – und sind gleichzeitig auch der Fluchtweg für all jene, die mit den Beschränkungen geschlossener Modelle nicht arbeiten können.
Open Source ist damit nicht nur ein Randthema dieser Debatte. Wird Spitzen-KI reguliert wie die Luftfahrt oder die Pharmaindustrie, dominieren am Ende einige wenige lizenzierte, auditierte, kapitalstarke Labore. Bleiben offene Modelle frei verfügbar und werden weiter besser, bleiben Innovation, Souveränität und lokale Kontrolle erhalten.
Europa muss jetzt reagieren
Der gestrige Tag sollte für Europa ein Weckruf sein. Wir können nicht zusehen, wie unsere Verwaltungen, Krankenhäuser, Unternehmen und Forschungseinrichtungen auf einer Infrastruktur aufbauen, die uns per Federstrich entzogen werden kann. Beckedahl nennt die Gefahr beim Namen: Es handelt sich um ein Machtinstrument, ein Erpressungsmittel – und wir sind dem ausgeliefert, wenn wir uns weiterhin komplett abhängig machen von wenigen Unternehmen, die ihren Sitz in den USA haben.
Die EU-Kommission hat das Problem grundsätzlich erkannt und am 3. Juni 2026 das EU Tech Sovereignty Package auf den Weg gebracht. Doch ein Paket auf dem Papier reicht nicht. Es wird sich zeigen, ob wir bereit sind, ernsthaft Geld in Alternativen zu investieren, die auf offenen Standards beruhen und in denen Verschlüsselung von Anfang an mitgedacht ist.
Genau hier setzt Open-Source-KI an, und genau deshalb müssen wir jetzt auf sie bauen. Das ist keine Marktabschottung, sondern die nachhaltige Sicherung dieser Technologie für alle – auch für Europa. Es geht um Nutzung und Kooperation auf Augenhöhe und um volle Transparenz als Schutz vor ungewollter Meinungssteuerung.
Auch die Open Source Business Alliance (OSBA) warnte heute ausdrücklich vor genau diesem Muster: Marktdominanz wird genutzt, um Zugänge plötzlich und kompromisslos zu sperren. Was mit Microsoft und Cloud-Diensten begann, setzt sich nun bei KI fort. Offene KI-Modelle auf Open-Source-Basis können nicht abgeschaltet werden. Sie bieten stabile Strukturen und echten Wettbewerb, der der europäischen Softwareindustrie zugutekommt. Damit das gelingt, brauchen europäische Anbieter digital souveräner und nachhaltiger KI Unterstützung im Wettbewerb mit den US-Anbietern. Dann kann Europa aufholen und selbst innovativer werden.
Was Europa konkret tun kann:
- Ausschließlicher Einsatz von Open-Source-KI in Verwaltungsverfahren. Der Staat darf seine Kernprozesse nicht an Anbieter binden, die ihn jederzeit aussperren können.
- Anreize setzen und Wettbewerbsfähigkeit fördern. Vorstellbar wäre etwa folgendes Modell: Europäische Rechenzentren, die Open-Source-KI unter Erfüllung von Souveränitäts- und (Energie-)Nachhaltigkeitskriterien anbieten, erhalten Nachlässe bei Energiesteuern oder andere direkt auf den Preis umlegbare Vorteile.
- Open-Source-KI für einen Übergangszeitraum direkt fördern – aber so, dass weiterhin ein echter Wettbewerb unterschiedlicher Anbieter möglich bleibt.
Die gestrige Sperrung ist eine lehrreiche Lektion. Und es geht dabei längst nicht allein um KI, sondern um unsere gesamte digitale Infrastruktur. Open Source ist dabei nicht Plan B. Open Source ist der einzige Weg, der Souveränität, Transparenz und Innovation zugleich sichert.