Tafel mit Aufschrift "What's Next"

Wo stehen wir?

Deutschlands Schüler, Lehrkräfte und Curricula sind beim Thema digitale Bildung und Medienkompetenz im internationalen Vergleich weit hinten – siehe internationale Vergleichsstudie International Computer and Information Literacy Study (ICILS). Bundesministerin Johanna Wanka hat dafür zwei Ursachen ausgemacht, die nun im DigitalPakt#D angegangen werden sollen. Einerseits sind dies fehlende pädagogische Konzepte und Strategien, andererseits mangelnde IT-Infrastruktur. Dieser Analyse kann ich für weite Bereiche uneingeschränkt zustimmen.

Was soll gemacht werden?

Satte 5 Milliarden Euro will die Ministerin in den nächsten 5 Jahren für den Ausbau der IT-Infrastruktur und schnelle Anbindung ans Internet für die bundesweit 45.000 Schulen bereitstellen. Das ist erst einmal gut und richtig. Vor allem ist es sehr viel besser als Tablets oder Notebooks an Schüler zu verteilen, so wie es noch in den Entwürfen zum Koalitionsvertrag der jetzigen Bundesregierung zu lesen war. Anscheinend hat das BMBF aus den Fehlern der Konjunkturprogramme während der Finanzkrise von 2009 gelernt. Damals wurden vor allem Smartboards gekauft, die dank fehlender pädagogischer Konzepte und mangelnder Netzanbindung schnell zu veralteten Investitionsruinen wurden. Bessere Infrastruktur wird hingegen tatsächlich dringend benötigt – ebenso wie die Investition in bessere Konzepte. Schade nur, dass wir darauf fast eine Legislaturperiode warten mussten.

Was darf nicht passieren?

Die Gefahr von Investitionsruinen ist jedoch nicht gebannt. Immer wenn der Staat schnell viel Geld ausgeben möchte, um lang verschlafene Aufgaben im Hauruck-Verfahren zu lösen, besteht die Gefahr, dass eilig etwas Teures, Großes neu erfunden werden soll. Lukrativ ist das vor allem für Beratungsunternehmen, Softwareentwickler und wissenschaftliche Institute, die von solchen Aufträgen leben und jetzt wild an den Türen von Bildungsministerium und Kultusministerkonferenz klopfen, aber nur selten wirklich überzeugende Produkte liefern. Beispiele dafür gibt es genug: elektronischer Personalausweis, Gesundheitskarte oder der Rohrkrepierer De-Mail sind nur einige. Die maßlos enttäuschende Entwicklung von eGovernment in Deutschland belegt dieses Phänomen auf ganzer Linie. Bei der Bildung unserer Kinder darf uns das nicht passieren, und wenn ich das Wort „Bundesbildungscloud“ höre, schwant mir nichts Gutes.

Es wäre fatal, wenn das Bildungspaket verdeckt zum Wirtschaftsförderungspaket wird und damit, Transrapid und TollCollect lassen grüßen, hoch-proprietäre deutsche Sonderlösungen gebaut würden, die zum internationalen Vorreiter werden sollen. Die genannten Beispiele zeigen, dass das meist nicht gelingt und schon gar nicht, wenn man sich im Ausland längst für agilere, modulare Lösungen entschieden hat.

Was wir wirklich brauchen sind leistungsfähige, offene Infrastrukturen, die den freien Wettbewerb von Inhalten, Ideen, Programmen und Angeboten ermöglichen. Denn in der Schule müssen vor allem die pädagogischen Konzepte die Nutzung von Digitalisierung bestimmen, nicht umgekehrt. Und gerade weil wir mit den pädagogischen Konzepten noch am Anfang stehen, dürfen wir jetzt keine monolithisch-proprietäre Lösung à la „Bildungs-De-Mail“ aus dem Hut zaubern, die hinterher die richtigen pädagogischen Konzepte eher verhindert als fördert.

Richtig wäre es vielmehr, offene Standards, etwa für das Identitätsmanagement oder die Bezahlung von Inhalten festzulegen und zu implementieren, sodass die unterschiedlichen, schon existierenden und teilweise sehr guten Angebote einfach miteinander integriert und von Bildungsträgern gekauft werden können.

Ziel muss eine offene Bildungsinfrastruktur mit Angeboten sein, die von Lehrkräften, Schulen oder Ministerien frei kombiniert und schnell gewechselt werden können und auf die Eltern, Lehrkräfte und Schüler mit ihren jeweiligen Berechtigungen jederzeit und von überall zugreifen können. Solch eine offen gestaltete Infrastruktur ließe sich dynamisch an neue Anforderungen anpassen und die Schulen könnten schon sehr schnell davon profitieren, statt jahrelang auf eine umfassende Lösung warten zu müssen, die im Zweifelsfall bereits veraltetet ist, wenn sie das Tageslicht erblickt oder im schlimmsten Fall niemals verwirklicht wird.

Was ist beim Thema Netzanbindung und WLAN zu beachten?

Wifi wireless internet signal flat icon for appsAber auch die schnelle Anbindung der Schulen ans Internet reicht nicht aus. In den Schulen selbst müssen leistungsfähige WLAN-Infrastrukturen bereitgestellt werden. Das geht bei hunderten, teilweise auch tausenden von Schülern keinesfalls so, wie viele es zu Hause machen: Mit einem günstigen WLAN-Router und gleichem Passwort für alle. Eine WLAN-Infrastruktur in diesen Größenordnungen setzt professionelle WLAN Access Points voraus sowie persönliche Zugangsdaten für jeden Schüler und jede Lehrkraft. Schon die Verwaltung von Kennwörtern stellt deshalb eine riesige Herausforderung für Schulen dar. Offene Produkte für das Identitätsmanagement können dabei helfen.

Gibt es Beispiele?

Mit Univention begleiten wir Schulträger seit mehr als einem Jahrzehnt beim Aufbau von IT-Infrastrukturen für Schulen. Zu unseren Kunden gehört unter anderem die Stadt Bremen. Die Bremer IT-Infrastruktur zählt bundesweit zu den fortschrittlichsten, wie vor Kurzem auch von der Telekom Stiftung ermittelt wurde. Viele weitere Schulträger, die wir betreuen, haben sich bereits auf den Weg gemacht und vergleichbare Lösungen für ihre Schulen implementiert, wie Aachen, Fulda und Chemnitz.

Die Erfolge unserer Kunden zeigen, dass auch ohne Bundesförderung erfolgreiche IT-Angebote für Schulen aufgebaut werden können. Die angekündigten Gelder des BMBF sind eine Chance, Schulträger in die Lage zu versetzen, schneller zu agieren. Es muss jedoch auch mit und gerade wegen dieser Gelder sichergestellt werden, dass sie richtig verwendet werden. Die Weitergabe der Gelder an die Schulen – ohne eine zentral gedachte Strategie durch den Schulträger – würde die Bildung in der digitalen Welt um weitere 5 bis 10 Jahre verzögern. Diese Chance dürfen wir nicht verpassen!

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Peter H. Ganten ist Gründer und Geschäftsführer von Univention.

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Kommentare

  1. Vorweg Herr Ganten würde ich den Artikel gerne verlinken. Bitte signalisieren Sie mir, ob das in Ordnung ist.
    Sehr spannend und ich kann viele technische Punkte in ihrem Artikel gut nachvollziehen. In einem Artikel zu Bring your own Device an Schulen habe ich flexible selbstgesteuerte IT-Ansätze an Schulen auch schon mal beleuchtet. Das ist an fast allen Schulen bisher an Sicherheitsbedenken gescheitert. Ihren Ansatz über offene IT-Standards Flexibilität zu erreichen finde ich nicht nur vorausschauend sondern auch investitionssichernd.
    Der erste Ansatz von Frau Wanka, pädagogische Konzepte zu entwickeln, ist aus meiner Sicht die größte Baustelle. Ich beschäftige mich mit der Effizienz und Evaluation von Lernen. Sowohl in meinen Projekten als auch in der größten Metastudie von Hattie sind nicht alle bekannten Moderatoren von IT, z.B. Lehrerfortbildung, Selbststeuerungskonzepte oder Gruppenbildungen, in Deutschland nicht zentral zu steuern. Ich erlebe ganz oft, dass sich Kommunen und Länder in ihren unterschiedlichen Kompetenzen selbst behindern. Schade.
    Abschließend finde ich ihren Ansatz eine offene, flexible Infrastruktur zur Verfügung zu stellen sehr gut. Die Kommunen, die gut mit den Ländern zusammenarbeiten bauen darauf innovative Konzepte/Software auf. Die Kommunen, die das nicht tun entwickeln wenigstens keine Investionsgräber.
    Wir können uns da gerne mal genauer unterhalten.

    Mit freundlichen Grüßen,

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