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Herr Kümmel, Sie betreuen mit Ihren Kollegen für den Magistrat der Stadt Fulda die IT für 23 Schulen und 13.000 Schüler*innen und 1.000 Lehrkräfte. Welche digitalen Angebote hatten Sie für diese vor den Schulschließungen?

Wir betreiben bereits seit vielen Jahren ein zentrales IT-Konzept für unsere Schulen, bei dem wir die IT-Infrastruktur und Dienste zentral auf unseren Servern im Rechenzentrum der Stadt Fulda bereitstellen und administrieren. Auf Basis von UCS haben wir im Jahr 2016 eine Umgebung eingerichtet, in der alle Nutzer*innen eine digitale Identität mit einem einheitlichen Passwort und Benutzernamen haben. Mit diesem können Sie sich über unser Portal des Schulbildungsnetzes Fulda anmelden und von überall auf Dienste zugreifen.

Welche Dienste stehen über dieses Portal bereit?

Unter anderem sind das Nextcloud für Filesharing, Webuntis für Stundenpläne und Edupool für die Nutzung von digitalen Lerninhalten. Über den UCS Office 365 Connector können sich die Nutzer*innen außerdem über das Portal an Office 365 anmelden und sich die Office-Anwendung herunterladen, um lokal damit zu arbeiten. Wir haben uns aus Datenschutzgründen für diese Art der Nutzung entschieden, da so Benutzernamen und Passwörter nicht weitergegeben werden, da die Authentifizierung über UCS via SAML erfolgt. Ausführlich beschrieben habe ich dieses Konzept in dem Artikel Datenschutzkonforme Einführung von Office 365 für Fuldaer Schulen.

Was für Auswirkungen hatten die Schulschließungen vor nun gut fünf Wochen für Sie und Ihre Kollegen?

Als die Schließungen am 13. März verkündet wurden, wussten wir nicht, wie die einzelnen Schulen damit umgehen würden. In den ersten Tagen haben wir dann eine 600-prozentige Steigerung der Zugriffe auf Nextcloud gesehen. Bis zu 5.000 Nutzer haben an einem Tag darauf zugegriffen, was dazu geführt hat, dass das System zunächst einmal zusammengebrochen ist, da es für diese Auslastung nicht konzipiert war. Wir haben uns dann drangesetzt und zunächst einmal die Serverkapazitäten hochskaliert. Das hat zwar etwas geholfen, aber noch nicht zu einer ausreichenden Performance geführt. Deshalb haben wir uns mit Nextcloud und unserem technischen Betreuer von Univention zusammengesetzt. Als Lösung haben wir einen zweiten Nextcloud-Server aufgesetzt und vor beide Instanzen einen Load Balancer gesetzt, der die Last gleichmäßig auf beide Systeme verteilt. Diese Anpassungen waren nicht so einfach out-of-the-box aus dem Univention App Center umsetzbar, sondern wir mussten hier doch eine recht individuelle Lösung entwickeln.

Haben Sie auch noch weitere Dienste für digitalen Unterricht bereitgestellt?

Natürlich wurde sehr schnell der Wunsch nach einer Möglichkeit für Video Conferencing an uns herangetragen. Im ersten Schritt haben wir uns damit beschäftigt, hier etwas für die Verwaltungsmitarbeiter umzusetzen, um deren Arbeit sicherzustellen. Da wir über Office-Lizenzen verfügen, haben wir uns als Möglichkeit Microsoft Teams angeschaut. Hier hat sich schnell gezeigt, dass durch die allgemeine Krise und des Wechselns von Zigtausenden von Menschen ins Home Office auch dessen Kapazitäten bereits an Grenzen stieß und es für uns keine echte Alternative darstellte. Zumal derzeit die Strukturen von UCS in O365 fehlen. Die Idee Zoom zu nutzen, haben wir aus Datenschutzgründen und den zahlreichen Problemen, die in den letzten Wochen auch allerorts in den Medien diskutiert wurden, nicht für sinnvoll gehalten.

Welche Alternativen sehen Sie zu Microsoft Teams und Zoom?

Von einer Lehrkraft haben wir den Tipp bekommen, es mit dem Open Source Video Conferencing Tool Big Blue Button zu versuchen, das unter anderem in Baden-Württemberg für den Einsatz getestet worden war. Außerdem haben sich einige Schulen gemeldet, die bereits mit der freien Software Moodle arbeiten, mit der sich digitale Lernangebote bereitstellen lassen. Ich selber habe zwar bisher noch nicht ausreichend Erfahrungen mit Moodle sammeln können, finde es aber sehr positiv, dass es offenbar schon eine größere Akzeptanz in den Schulen findet. So setzen zwei unserer Berufsschulen bereits die Kombination von Moodle und Big Blue Button ein und waren damit sehr zufrieden. Das hat sich schnell herumgesprochen und weitere Schulen folgen gerade.

Wie sind Ihre Erfahrungen beim Einsatz von Big Blue Button und Moodle aus Schulträgersicht?

Die verstärkte Nutzung von Big Blue Button und Moodle hat ebenfalls schnell zu Performance-Problemen geführt, so dass wir auch hier einen zweiten Server dazuschalten werden, um die Last auf zwei Server zu verteilen. Insgesamt sehe ich in der kombinierten Nutzung von Moodle und Big Blue Button zusammen mit Nextcloud eine echte Möglichkeit, alle essentiellen Funktionen für digitalen Unterricht anbieten zu können. Und zwar nicht nur jetzt zur Zeiten der Corona-Krise, sondern auch langfristig.
Ich möchte aber vermeiden, dass jede Schule einen eigenen Moodle-Server bekommt, weil wir in diesem Fall bei der Administration dieser vielen unterschiedlichen Server sehr schnell an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen würden. Sinnvoll fände ich es, eine schulübergeifende, zentrale Moodle-Instanz auf einem Server bei uns im Rechenzentrum zu betreiben, auf den alle Schulen, idealerweise über UCS zugreifen können. Wichtig für eine integrierte Lösung mit den drei Diensten wäre es, dass die Gruppenstrukturen der Schulen und Klassen darin abgebildet wären. UCS bringt das grundsätzlich mit, aber die Strukturen müsste sich auf die weiteren Anwendungen „vererben“.

Und haben Sie noch andere Dienste, die den Lehrkräften gerade helfen, mit ihren Schülern im Homeschooling zu arbeiten?

Wir haben an die Schulen die Empfehlung gegeben, dass sie ihre Schüler*innen darauf hinweisen, dass es die Möglichkeit gibt, sich auf den eigenen Rechnern zu Hause eine Version von Office 365 zu installieren. Das geht sehr einfach über unsere Portalseite. Damit können die Schüler*innen dann schon einmal Dokumente erstellen und bearbeiten. Ein weiteres Tool ist die Software Edupool der Firma Antares, die vom Land Hessen zentral zur Verfügung gestellt wird. Darüber können sich Schüler*innen Lehrfilme anschauen und Medien herunterladen, die vom Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, kurz FWU, erstellt worden sind. Auch hier loggen sich die Schüler*innen mit ihrer UCS-Identität ein.

Haben Sie für andere Schulträger und die Schulen im Lande noch einen Tipp, wie sie agieren sollten?

Wichtig ist meiner Ansicht nach, nicht mit blindem Aktionismus zu agieren, sondern im ersten Schritt mit den vorhandenen Angeboten zu arbeiten und diese zu skalieren. Die eingangs erwähnte 600-prozentige Steigerung der Zugriffe auf Nextcloud, das wir schon seit einiger Zeit im Betrieb haben, hat deutlich gezeigt, dass vorhandene digitale Möglichkeiten bei weitem noch nicht flächendeckend und von allen genutzt worden sind. Es ist auch nicht effizient, schnell irgendwelche Lösungen umzusetzen, die dann nicht richtig funktionieren, weil man jetzt nicht die Möglichkeiten zu einer strukturierten Einführung hat. Man muss es jetzt einfach mal aushalten, dass man nicht für jedes Problem sofort eine Lösung bereitstellen kann.
Und ich halte es für sehr wichtig, die Lehrer mitzunehmen und zu begeistern, wenn es bereits Lösungen wie zum Beispiel Moodle gibt, die auf eine große Akzeptanz stoßen. Deren flächendeckende Einführung ist dann viel leichter, weil man nicht erst Widerstände überwinden muss.
So schwierig die Zeiten natürlich gerade sind und viele ins kalte Wasser geworfen wurden, bedeutet die Krise aber auch eine Chance. Wir sehen jetzt, welche vorhandenen digitalen Angebote sich wirklich bewähren und dauerhaft Bestand haben können. Insgesamt wird uns das bei der Digitalisierung der Schulen massiv voranbringen und vielleicht sogar ein neues digitales Zeitalter in der Bildung einläuten.



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Benjamin Kümmel

Benjamin Kümmel arbeitet als stellvertretender IT-Leiter bei der Stadt Fulda und ist seit 15 Jahren für die IT in den Fuldaer Schulen zuständig. Seine speziellen IT-Themen sind: Netzwerk, Internet, Mail, Microsoft allgemein (MCTS, MCITP, MCSA, MCP).

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